Beim politischen Frühschoppen habe ich über die grüne Liberalitas Bavariae gesprochen.

Die Liberalitas Bavariae ist grün

Politischer Frühschoppen am Baiuvarenhaus in Waging am See

Mit Zitaten von Bruno Jonas über die Bayern hatte ich beim politischen Frühschoppen der Waginger Grünen die Lacher auf meiner Seite. „Rübergekommene, heruntergekommene, zurückgebliebene Fußkranke. Kurz gesagt: Der Bayer war entstanden.“
Der Ortsverband der Grünen hatte im mit Sonnenblumen geschmückte Ambiente des Baiuvarenhauses zu einem stimmungsvollen politischen Frühschoppen eingeladen. Bei Bio-Würstchen und Gebäck vom Bauernmarkt wurde eifrig politisiert und philosophiert. Dabei ging es um die bunt gemischten bayerischen Stämme, die vielzitierte Liberalitas Bavariae, das gefährdete europäische Friedensprojekt und die nach Ansicht der Besucher rückwärtsgewandte Politik der bayerischen Staatsregierung.

Zunächst aber hatte Alfons Schmuck, der Vorsitzende des Heimat- und Kulturvereins, in einem launigen Vortrag über die Entwicklung der Bayern die Aufmerksamkeit der Zuhörer für sich. Vielfältige Einflüsse hätten die heutige Gesellschaft geschaffen, sicher nicht zu ihrem Nachteil. Und zu den drei Stämmen sei dann in der Nachkriegszeit die Bereicherung durch Flüchtlinge und Heimatvertriebene gekommen – den „vierten Stamm“. Dann schlug Schmuck den Bogen zur heutigen Flüchtlingssituation. Vielleicht werde man in einigen Jahrzehnten von einem fünften Stamm sprechen. Eindringlich schilderte Schmuck anschließend den Einsatz für das Baiuvarenmuseum, ein besonderes Alleinstellungsmerkmal Wagings. Entstanden seien die Bemühungen darum rein zufällig durch spektakuläre Funde bei einer geplanten Friedhofserweiterung. Lange umstritten, werde das Museum nach großartiger Unterstützung durch die Ludwig-Maximilian-Universität München hoffentlich bald wiedereröffnet.

Mit dem Bruno-Jonas-Zitat nahm ich den Ball auf und suchte weitere Annäherungen an die bayerische Eigenart und Besonderheit. Ich zitierte Roman Herzog, den im Januar verstorbenen Bundespräsidenten a.D., der Bayern charakterisierte als Land in dem „Technikbegeisterung und Tradition, Innovationsfreude und Bodenständigkeit keine unüberbrückbaren Gegensätze“ seien. Mit der Aussage „Wäre ich nicht selbst Bayer, würde ich sagen: Hier sind Laptop und Lederhose eine Symbiose eingegangen“ prägte Herzog 1998 ein Wortpaar, das die CSU fortan gerne benutzte – nicht um die Eigenart Bayerns zu beschreiben, sondern um ihre Verdienste herauszustreichen. Mit dem „Laptop und Lederhose“-Plakat ging sie 2004 in den Europa-Wahlkampf.

Ich kritisierte die plumpe Eins-Setzung von Bayern, bayerischer Staatsregierung und CSU, die besonders in Berlin und in den anderen Bundesländern Deutschlands sehr kritisch gesehen wird: „Die Forderung des Ministerpräsidenten Horst Seehofer ,Bayern zuerst‘ zeigt, wie problematisch es ist, dass Bayern als einziges Bundesland im Bundestag mit einer Länderpartei vertreten ist, die zuerst die Interessen Bayerns und erst dann die der Bundesrepublik Deutschland verfolgt.“ Wenn Bayern sich auf ihre bayerische Seele berufen mit den Worten „Mia san mia“, dann müssen sie im gleichen Atemzug auch respektvoll anerkennen, dass andere eben anders sind.

Die Bescheidenheit, die den Bayern nach meiner Ansicht gut zu Gesicht stünde, vermisse ich vollends, wenn ich nach Brüssel blicke. Dort betreibt Bayern in direkter Nachbarschaft zum EU-Parlament eine feudale Ländervertretung. Das Schloss mit dem es umgebenden Park steht den bayerischen Königsschlössern in nichts nach.

„Bayerische Identität in einem Europa der Regionen ist wichtig“, erklärte ich und rief zugleich dazu auf, sich vordringlich Gedanken um eine europäische Identität zu machen. Europa funktioniert nicht ohne ein Bewusstsein der Zugehörigkeit. Die Europäische Gemeinschaft als Friedensprojekt braucht einen Mythos, eine Erzählung, die den Bürgerinnen und Bürgern eine europäische Identität stiften kann. In der aktuellen Ausgabe von Le Monde diplomatique ist ein Artikel des französischen Autors Reǵis Debray erschienen: „Der Mythos Europa reduziert sich auf den freien Warenaustausch. Was fehlt, ist der Austausch von Ideen, die gemeinsame Sprache, geteilte Erinnerungen und Legenden.“

Ich stellte zur Diskussion, ob Maria als Frau und „Patrona Bavariae“ zur Identitätsfindung Bayerns in Europa beitragen könne – immerhin hatte die Göttin Athene die Athener und die griechische Demokratie über Jahrhunderte gut begleitet, und heute findet sich der Kranz von 12 Sternen aus der Offenbarung des Johannes (Kap. 12. Vers 1) sowohl auf der Fahne der EU als auch auf vielen Marienbildern. Eine Teilnehmerin aus Frankreich lehnte dies unter Verwies auf den Laizismus Frankreichs ab und rief dazu auf, die Bedeutung Europas für den Frieden zu betonen.

Eine junge Teilnehmerin hatte positive Erfahrungen mit dem Erasmus-Programm gemacht; sie erklärte, dass man den Geist Europas nicht aus Büchern lernen könne, sondern am besten durch Begegnungen mit anderen Europäern.

Ich erinnerte an die hohe Jugend-Arbeitslosigkeit in Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und warb dafür, dass deutsche Firmen Ausbildungsplätze europaweit ausschreiben. Die Diakonie macht sehr gute Erfahrungen mit spanischen und griechischen Erzieherinnen und Pflegekräften.

Mit der Forderung nach einer gemeinsamen humanitären Verantwortung Europas, die Geflüchteten und Asylbewerbern gelten müsse, fand die Diskussion zum Ausgangspunkt zurück, bevor der einsetzende Nieselregen dazu führte, dass die Mitglieder des Veranstalters Bündnis 90/Die Grünen Ortsverband Waging sich mit mir ins Baiuvarenhaus zurückzogen.

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