Michael Hüller, Barbara Lochbihler, Dr. Astrid Rössler, Andreas Herden und Gisela Sengl in Kirchanschöring.

Talk im Grünen

„Wofür’s grüne Politik braucht“: Lebhafte und spannende Gespräche in Kirchanschöring

Blühende Sonnenblumen säumten den Weg und leiteten Barbara Lochbihler (MdEP) und mich und später dann auch zahlreiche Grüne und Gäste in den wunderschön schattigen Kirchanschöringer Achenpark hinter dem Pausenhof der Volksschule. Kühle Bio-Getränke halfen gegen den Durst, knackig frisches Gemüse, leckeres Bayrisches Risotto mit Einkern, Emmer und Dinkel kitzelten den Gaumen und liebevoll dekorierte Tische schufen eine besondere Willkommens-Atmosphäre.

Dr. Astrid Rössler, Grüne Salzburger Landeshauptmann-Stellvertreterin kam mit ihrem grünen Fahrrad und erfrischte sich zunächst in der Götzinger Achen, die hinter der Bühne munter plätscherte. Die freundlichen Mitglieder des Grünen Ortsverbandes Salzachtal strahlten vor Dankbarkeit über das anhaltende schöne Wetter und es gelang ihnen, ihre Gäste anzustecken mit gespannter Freude auf das hochkarätige Programm.

Kreisrat und Moderator Michael Hüller begrüßte die geladenen, die geweihten und die gewählten Gäste – in dieser Reihenfolge habe er es aus Österreich übernommen. Meine letzte Anspannung wich dem Lacher über die Tatsache, dass er mit mir einen Gast begrüßte, der alle drei Kriterien erfülle und den er deshalb auch vor den weitgereisten Damen begrüßte. Die fetzige Eröffnung des Programms überließ er den Senegalbayrischen Trommeln. Zehn BayerInnen und zwei Senegalesen trommeln seit einem halben Jahr zusammen und übertragen gekonnt und ansteckend den Dialog der Kulturen in Rhythmus.

Bei meiner Vorstellung im Anschluss äußerte ich mich dankbar über den Reichtum an Schönheit und Gemeinschaft, der an diesem Abend so offenkundig werde und der mir als Hiesigem grundsätzlich offen stehe. Ich leitete daraus meine Motivation zu meinem politischen Engagement im Allgemeinen und meiner Kandidatur im Besonderen ab: Weil ich so privilegiert bin vom Leben, habe ich die Verpflichtung und den Auftrag, dass ich eintrete für das Leben der anderen.

So erzählte ich vom unmittelbar vorangegangenen Besuch mit Barbara Lochbihler, Regina Reiter und weiteren Mitgliedern des Ortsverbandes im Franz Jägerstetter Haus, ein Bauernhof in St. Radegund im Innviertel hoch über der Salzach. Dort hatte die Tochter des österrischen Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstetter, Maria Dammer, uns bewegende Eindrücke aus dem Leben ihres Vaters vermittelt.

Der hatte es sich auch unter den spöttischen Bemerkungen der Nachbarn nicht nehmen lassen, seine drei Töchter, die seine Frau Franziska von 1937 bis 1940 geboren hatte, im Kinderwagen durchs Dorf zu fahren. Beim Militärdienst in Enns war Jägerstetter von 1940 bis 1941 zum Kraftfahrer ausgebildet worden; dabei beobachtete er, dass Kinder mit Behinderungen von den Nazis abgeholt und ermordet wurden. Da reifte sein Entschluss, dass er nicht als Soldat für Hitler kämpfen kann ohne selber schuldig zu werden. Die Liebe zu seiner Frau und der lebendige Glauben, zu dem sie ihn gebracht hatte, gab ihm Halt diese Entscheidung immer weiter zu festigen – gegen alle vermeintlich wohlmeinenden Ratschläge doch sein Leben und seine Familie zu retten.

Am 9. August 1943 wurde er in Brandenburg an der Havel hingerichtet. Er ist mir ein Vorbild für mein Leben. Am Mittwoch, 9. August, werde ich am Gedächtnis an ihn ab 9.30 Uhr in Tarsdorf, ab 16 Uhr in St. Radegund teilnehmen.

Beinflusst von meinen Eindrücken vom Tierrechtsgipfel am 4. August in Aschau bezeichnete ich abschließend Menschen als „Tiere“, was viele der Zuhörer*innen aufhorchen ließ. Ich hoffe, die Irritation wirkt im positiven Sinne fort. Ich erachte es als die herausragende Kompetenz der Spezies „Mensch“, die sie von den meisten Artgenossen aus dem Tierreich (Ameisen und Bienen ausgenommen) unterscheidet, dass Menschen fähig sind, das Zusammenleben großer Gesellschaften von 1.000, 10.000, 1.000.000, 80.000.000 oder eben auch 10.000.000.000 Menschen zu organisieren. Die Aufgabe, in Zukunft 10 Milliarden Menschen auf unserem Planeten angemessen zu ernähren, ohne den Planten dabei zu ruinieren und weitere Tierarten auszurotten oder zu versklaven, wird allerdings mit Beibehaltung unserer Ernährungsgewohnheiten nicht möglich sein.
Wir können die notwendigen Veränderungen in der Regel von unseren Kindern lernen; zumindest habe ich es getan, als mich vor ca. 15 Jahren meine Kinder fragten, warum ich Fleisch esse.

Im Anschluss an meine Vorstellung sprach Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Rössler aus Salzburg und weckte mit leisen Tönen und sehr persönlich durchdrungenen Erkenntnissen meine Begeisterung und Bewunderung. „Alles, was nur auf vier Rädern zu erreichen ist, hat keine Zukunft.“ So begründete sie, warum sie die Raumordnung und das entsprechende Ressort in der Salzburger Landesregierung als die wichtigste sozial- und zukunftspolitische Aufgabe sieht. Sie warb für Dialog und die Suche nach dem Gemeinsamen mit dem politischen Gegner, den man zum Partner machen müsse: „Politik ist Beziehungsarbeit.“ Und: „Vertrauen ist die leiseste Form von Mut.“

Persönlich verbindet mich mit ihr das Werben für den Dialog, die Vermeidung ritualisierten Schlechtredens des politischen Gegners, die Wertschätzung für die Bienen als Garanten unseres Überlebens, die Liebe zum Fahrrad und die konsequente Haltung dies auch in einem beschleunigten Alltag zum Verkehrsmittel der Wahl zu machen. (Hoffentlich hat sie den letzten Zug am Ende des Talk im Grünen noch erwischt und ist mit Unterstützung der Bahn, die auf der Strecke Mühldorf-Salzburg Fahrräder kostenfrei mitnimmt, trocken zu Hause angekommen.)

Frisch aus Spanien eingetroffen waren inzwischen die Wieslhaarigen, 5 bayerische Männer mit Blasinstrumenten und eine Frau mit Gitarre. Sie spielten Polka und Walzer so mitreißend auf, dass manche das Tanzbein schwangen. (Auch ich wurde nach dem Talk zum Tanz aufgefordert und bin sehr dankbar, dass meine Tanzpartnerin meine Tanzkünste gnädiger beurteilte als die Umsitzenden.)

Auch Gisela Sengl (Kreisrätin im Kreistag Traunstein, MdL) verstand die Themenfrage „Wofür’s grüne Politik braucht“ als Aufforderung Politik grundsätzlich zu definieren: „Politik heißt ausmachen, wie wir leben wollen.“ Zu diesem Aushandlungsprozess mit den „Schwarzen“ sei sie ähnlich wie Astrid Rössler in Salzburg in Zukunft auch gerne in München mit der CSU bereit. Allerdings warnte sie davor, dass sich Bürgerinnen und Bürger durch Alibi-Maßnahmen einlullen lassen: „Blühstreifen neben Maisfeldern sind nicht die notwendige Veränderung der Landwirtschaftspolitik.“ Gegen das in Oberbayern grassierende Sterben kleiner landwirtschaftlicher Betriebe forderte sie, dass in Zukunft nicht die Größe eines Betriebes über sein Überleben entscheiden darf, sondern seine Art des Wirtschaftens. Dazu müssen sich die Inhalte von Beratung und Ausbildung von Landwirten ändern, denn es gilt „das Bewusstsein zu fördern, dass die bisherige Entwicklung ein Irrweg ist“.

Auch Barbara Lochbihler griff zu Beginn ihrer Erörterung das Thema „Dialog mit dem politischen Gegner“ auf, das Astrid Rössler nachhaltig in die Diskussion eingebracht hatte. Aus der Perspektive der Europa-Parlamtentarierin sagte sie: „Grüne braucht’s, um zu erklären, mit wem ist Dialog sinnvoll und möglich und mit wem nicht.“ Sie begründete diese Differenzierung mit ihrer Wahrnehmung aus den letzen Wahlen: „Immer mehr Abgeordnete von Parteien ziehen ins Europa-Parlament ein, die Europa kritisieren – nicht um es zu verbessern, sondern um es zu zerstören.“

Weitere Wermutstropfen Barbara Lochbihlers trugen dazu bei den dringenden Ernst der Frage bewusst zu machen, wofür es grüne Politik braucht: „Die Grünen haben in Frankreich im Wahlkampf zwischen Macron und Le Pen weniger als 3 Prozent bekommen. Hätte der Front National in Frankreich die Wahl gewonnen, hätten wir Europa dicht machen bzw. diplomatisch formuliert abwickeln können.“ „Die ungebrochene Arbeitslosigkeit der Jugendlichen in Europa von über 25 Prozent bedingt, dass wir eine Generation verlieren werden.“ „Eine Grüne Resolution zum Verbot von Waffenexporten an Saudi-Arabien, da Saudi-Arabien in so viele Kriege verwickelt ist, fand keine Mehrheit im Europa-Parlament.“ Abschließend bezeichnete Barbara Lochbihler es als „größte Baustelle in der EU eine wertegeleitete Flüchtlingspolitik zu entwickeln.“ Sie kehrte noch einmal zum Eingangsthema „Dialog mit dem politischen Gegner“ zurück und sagte: Wir müssen an dieser „Baustelle“ das „Gewicht auch der Kanzlerin in die Waagschale werfen“.

Die abschließende Aufgabe des Moderators Michael Hüller hieß, dass sich die Referent*innen an unterschiedlichen Stehtischen einfinden um dort ganz persönlich ins Gespräch mit den Gästen zu kommen. Durch diesen unmittelbaren Austausch mit dem Publikum konnte manches noch erklärt und geradegerückt werden, was von der Bühne herab eventuell missverständlich angekommen war. Die fröhlich gelöste Atmosphäre kehrte bald zurück – auch dank der Wieslhaarigen und der Senegalbayrischen Trommler, die noch lange aufspielten, bis frischer Wind und Wetterleuchten deutlich machten: Für heute muss Schluss sein mit Talk im Grünen.

Ein gelungenes Format, ein Moderator mit Showmasterqualität, drei kluge, hoch kompetente und dialogbereite grüne Politikerinnen, ein wunderschöner Ort und ein Ortsverband mit Teamgeist und Sinn für liebevolle Details – Danke!

Euer Andreas Herden

Andreas Herden in den Bundestag wählen!