Leistung fördern, nicht Konkurrenz!

Predigt 19. Februar 2017, Mk 4,26-29: „Vom Wachsen“

Als meine Frau und ich Kinder hatten, in den 90er Jahren, da gab es zwei Jahre Bundeserziehungsgeld und ein Jahr Landeserziehungsgeld; heute gibt es Elterngeld für zwölf Monate, die beide Eltern sich aufteilen können. Immerhin; aber ein Jahr ist zu kurz. Es ist dies ein Grund, dass ich gegen unsere Leistungs- und Konkurrenz-Gesellschaft das Wort rede, dass sie es fordert von Eltern, dass sie beide arbeiten, von Alleinerziehenden allzumal, weil sie den meisten Familien diese Zeit der Geborgenheit nicht lässt. Mit einem normalen Einkommen in einer normalen Wohnung lässt sich eine Familie oft nicht mehr ernähren, beide Eltern müssen arbeiten gehen und haben nicht die Zeit für ihre Kinder.

Im Gleichnis vom Bauern und dem Wachsen der Saat geht es genau um diese Zeit.

Liebe Gemeinde, liebe KonfirmandInnen,

am Freitag gab‘s Zeugnisse. Ich hoffe gute, mindestens zufriedenstellende für Euch selbst und Eure Eltern.

Von der Lehrergewerkschaft GEW gab es wenige Tage vorher den Vorschlag, Noten abzuschaffen, bzw. sie wie in den Grundschulen bis zur 3. Klasse und in den Montessori-Schulen in allen Klassen üblich durch Bemerkungen zu ersetzen.

Die Begründung: Noten von 1 bis 6 können unmöglich die individuellen Lernfortschritte und den Wissensstand jedes einzelnen Schülers abbilden.

Widerspruch gegen diesen Vorschlag der Lehrergewerkschaft kam aus einigen Kultusministerien, die für eine solche weitreichende Entscheidung in den Bundesländern zuständig sind.

Da hieß es: „Leistung gehört dazu!“ Noten seien wichtig, um Leistung vergleichbar zu machen und auch ein notwendiger Ansporn für Schüler*innen, um Leistung zu bringen.

Und Leistung sei nun einmal wichtig, um Schüler*innen fit zu machen für das Leben in unserer Leistungsgesellschaft.

Ich frage da mal dazwischen: Was ist wichtig, um Schüler*innen fit zu machen für das Leben im Reich Gottes? Wenn es nach Jesus geht, dann sollten wir uns im Leben vor allem darauf vorbereiten und dem Reich Gottes Raum und Wirklichkeit in unserem Leben verschaffen.

Jesus selbst hat keine klare und eindeutige Antwort gegeben auf die Frage, was wichtig ist, um Menschen fit zu machen für das Reich Gottes. Er hat Gleichnisse erzählt – Geschichten aus der Wirklichkeit der Menschen, um darin die Wirklichkeit Gottes sichtbar zu machen. Wie die aussieht müssen die Menschen dann für sich selbst entdecken.

Fit für das Reich Gottes ist also zuerst eine Frage der Wahrnehmung. Man muss genau hinschauen.

In meiner 5. und 6. Klasse Mittelschule Altötting behandeln wir gerade Gleichnisse. Und da gibt es ein recht bekanntes, in dem geht es um Leistung und Gerechtigkeit. Vielleicht kennen es einige: Es handelt von Arbeitern im Weinberg, die unterschiedlich lange in diesem Weinberg arbeiten, aber am Ende des Tages vom Weinbergbesitzer alle denselben Lohn bekommen.

Meine Schüler*innen konnten gut nachvollziehen, dass alle Arbeiter so viel bekommen, dass sie mindestens einen Tageslohn haben, damit die Arbeiter und ihre Familie an diesem Tag nicht hungern müssen. Trotzdem fanden sie es ungerecht, dass die, die länger arbeiten, nicht mehr bekommen.

Wir haben das dann mal auf Schulnoten übertragen. Ich habe vorgeschlagen, dass ich bei der nächsten Probe allen eine 3 gebe. Einige fanden das eine gute Idee, andere – die Guten – fanden das total ungerecht.

Einer machte einen sehr klugen anderen Vorschlag.

Er sagte: „Alle sollen die Note bekommen, die der/die Beste bekommt.“

Ich erklärte darauf: „Ich bin bereit das bei der nächsten Probe so zu machen. Aber die Probe wird richtig schwer werden. Es wird besondere Aufgaben geben, die man als Einzelner nicht gut lernen und vorbereiten kann.“

Die Klasse ist noch am Überlegen, ob sie sich darauf einlassen soll. Ich hoffe, sie tun es.

Ich finde die Idee des Schülers deswegen so gut, weil sie auf geniale Weise den Gedanken

„EineR für alle“ aufnimmt.

Und es ist ja nicht ausgemacht, wer der/die eine sein wird.

JedeR kann es sein, der die beste Arbeit schreibt und damit für alle einen Erfolg erringt. Und alle sind – so mein Gedanke – motiviert, sich als Gruppe hinter jedeN EinzelneN zu stellen, denn alle profitieren davon. So könnte man Leistung fördern, ohne Konkurrenz zu fördern.

Denn gegen Leistung an sich habe ich nichts einzuwenden, aber gegen Konkurrenz schon.

Der Wettstreit und das Gegeneinander von Menschen wird in unseren Regelschulen von klein auf gefördert und benutzt, um Leistung zu erzielen. Ich finde das unfair und einen Missbrauch.

Schüler*innen bekommen dadurch eine falsche Programmierung.

Für eine Leistungsgesellschaft, die auf Konkurrenz aufbaut, mag diese Programmierung richtig sein. Aber für das Reich Gottes ist sie falsch.

Welche Programmierung ist dafür die richtige?

Schauen wir auf unser Evangelium, eine ganz einfache und schlichte Sache wird zum Bild für das Reich Gottes: Es geht ums Säen, ums Wachsen – und ums Ernten. Vor allem aber geht es ums Wachsen. Und natürlich geht es beim Wachsen um die Menschen, die das Gleichnis hören.

Jesus erzählt es ja nicht Pflanzen, sondern Menschen.

Zu Beginn des Gottesdienstes und im Gebet habe ich das Wachsen auf den Glauben bezogen, der in uns wächst, nachdem Gottes Same, sein Wort in uns aufgegangen ist.

Ich möchte hier – auf der Suche nach der „Programmierung“ von Menschen für Gottes Reich – viel grundlegender beginnen: Beim Wachsen von Menschen geht es zunächst um das Heranwachsen.   Einrichtungen wie Schule, Erziehung – auch der Konfi-Unterricht – begleiten das Heranwachsen junger Menschen. Unsere Kirchengemeinde kümmert sich aber auch um das Wachsen von Gemeinschaft, um das Wachsen von Vertrauen von Menschen in das Leben und auf Gott.

Wenn wir auf den Bauern aus dem Gleichnis Jesu blicken, sehen wir: Er sät und dann geht er seinem eigenen Rhythmus nach, er schläft, er steht auf, er kümmert sich nicht um das Wachsen seiner Saat. Das Wachsen ist – eigentlich – in den Dingen, in den Samen drin, sie wachsen von selbst.

Er muss und kann das nicht machen. Er kann nur warten und seine Saat getrost wachsen lassen. Einiges können wir uns abschauen von dem Bauern im Gleichnis, der Samen aussät und dann getrost wartet:

1. Wir sind in der Regel sehr ungeduldig. „Zeit ist Geld“ heißt es und wir halten Ausschau nach Wachtumsbeschleunigern.

Der Bauer aber hat Zeit, er lässt sich Zeit. Eigentlich nicht sich, sondern der Erde lässt er Zeit, dass sie von selbst Frucht bringt.

Wir können auch sagen: Er lässt Gott die Zeit.

Es gibt zwei Arten von Zeit in diesem Vorgang: Da ist die Zeit des Menschen. Wenn die Zeit reif ist, dann ist er dran, etwas zu tun, da sät er, oder wenn die Frucht reif ist, dann schickt er die Sichel zur Ernte.

Dazwischen ist Gottes Zeit, da bringt die Erde von selbst die Frucht hervor.

Das ist Zeit, die der Mensch sich lassen kann, weil von selbst etwas zu seinem besten geschieht.

Wir sehen: Langsamkeit und Geschehenlassen bringen nicht nur „Zeit“, sondern auch Frucht.

Und „Frucht“ ist etwas anderes als Erfolg; Erfolge werden gemacht von Menschen, Zeugnisnoten z.B.  Die Frucht aber reift heran, erst der Halm, dann die Ähre, dann die Körner.

Gott will von uns keine Erfolge, er will, dass wir Frucht bringen.

In seiner Abschiedsrede an seine Jünger sagt Jesus:

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“

Leben, das diesem Auftrag folgt, ist ein Einüben in die Zeit Gottes und geschehen lassen, dass die Frucht von selbst wächst.

Wir dürfen und müssen darauf vertrauen, dass das Wachstum gelingen wird.

Das ist oft sehr schwer und wiederum auch sehr entlastend, z.B. in der Kindererziehung.

Es hängt nicht an uns, es hängt nicht an unserem Einsatz als Chauffeur, als Wunscherfüllungs-maschine, als strenge Erzieher*innen, Hausaufgabenaufsicht, Wächter über Freundschaften und die Unschuld unserer Kinder.

Sie tun eh, was sie wollen, sie haben alle Möglichkeiten, allzumal in unserer modernen Welt, wo alles verfügbar ist, alle Informationen, alle Einflüsse im weltweiten Netz. Es liegt nicht an uns, ob unsere Kinder dem Bösen ins Netz gehen. So sehr ich es wollte, leider, ich kann sie nicht abschirmen, ich kann sie nur stark machen, selber stark werden lassen, dass sie sich schützen und sich wehren gegen die Verlockungen des Bösen.

Natürlich hat es Sinn, dass wir Erwachsene uns einsetzen – gegen das Böse, für unsere Kinder.

Vor allem die ersten Monate, die ersten drei Jahre sind wir als Eltern wirklich gefordert, da müssen wir Geborgenheit säen, Liebe füttern. Danach dürfen wir diese Saat getrost aufgehen und wachsen lassen.

Ein anderes Beispiel für die Zeit Gottes, in der wir nichts tun und in der die Frucht von selbst wächst, ist die Trauer.

Die trauernde Witwe, die ihren Mann verloren hat, stellt nach einigen Monaten fest, es wird leichter.

Sie brauchte Zeit, die Trauer brauchte Zeit, damit Hoffnung und Lebensmut wieder keimen und reifen können.

2. Noch einen zweiten Impuls zur Einübung in Gottes Reich gibt mir das Gleichnis.

Neben der Zeit ist der Rhythmus entscheidend:

Der Rhythmus des Bauern, der nach getaner Arbeit einsetzt, beginnt mit der Nacht:

Es ist nicht die Rede von „Tag und Nacht“, wie wir gerne sagen, sondern „Nacht und Tag ist die Reihenfolge, die Jesus nennt: Der Bauer schläft und steht auf.

Das ist nicht zufällig so.

Auch in der Schöpfungserzählung ganz zu Anfang der Bibel ist es diese Reihenfolge, die berichtet wird: „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“

In der Nacht, in der Ruhe, im Schlaf werden die Voraussetzungen geschaffen für fruchtbares Werden und Wirken am Tag.

In diesem Rhythmus stellt sich von selbst das Wunder ein:

„Der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.“

3. Das ist mein dritter und letzter Impuls zur Einübung in Gottes Reich:

Das Nichtwissen! Wie ist das gemeint, wenn Jesus von dem Bauern sagt: „Er weiß nicht wie.“

Natürlich weiß er es – heute lernt das jedes Kind im Biologie-Unterricht, und auch damals wusste es der Bauer. Aber der Bauer, der es weiß, der hält sich lieber raus und sagt sich:

„Davon will ich gar nichts wissen. Mir reicht, dass ich es immer wieder beobachte: Von selbst bringt die Erde Frucht; zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“

Das ist ein Bauer, der Bescheid weiß.

So schlicht ist es heute leider nicht.

Bauern heute müssen vieles wissen: Ökologie, Ökonomie, Biologie, Chemie, Kunstdünger, Unkrautvernichter, große Maschinen, die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt.

Ich bin kein Bauer (Jesus war auch keiner), aber ich beobachte: Die Ruhe zwischen Saat und Ernte hat der Bauer heute nicht, nicht mehr.  

Das Gleichnis funktioniert mit heutigen Bauern nicht mehr.

Aber auch heutige Bauern können auf Jesu Gleichnis schauen und es als Anregung begreifen sich einzuüben in das Reich Gottes.

Und da gibt es Zeiten und Vorgänge, da heißt es: Finger weg!

Geduld, Ruhe.

Und dann gibt es Momente, da kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an.

Eben noch untätig und gelassen, schickt der Bauer im Gleichnis „alsbald die Sichel, denn die Ernte ist da.“

Wenn es um das Reich Gottes geht, sind zwei sehr unterschiedliche Haltungen und Übungen wichtig:

Warten und – auf Bairisch: jetzt pressiert‘s!

Wenn Gottes Gegenwart da ist, gilt es, die Chance zu ergreifen. Positive Entwicklungen können wir dann in Gang setzen.

Nachhaltige Veränderung zum Guten geschieht nicht nur über Nacht, Nacht und Tag, Ruhe und Aktivität gehören zusammen.

Aber auch zu Jesu Zeiten war es schon wichtig, wie uns das Gleichnis zeigt, den Menschen vor allem den Wert der Ruhe nahezubringen.

Denn das Entscheidende kommt von Gott und geschieht ohne unser Zutun.

Amen.